Reinhard Jirgl: Salzwedels Stadtplan als
Grundlage für „Die Unvollendeten“
 

 

Der Grenzstreifen, das geschleifte Dorf Jahrsau, die Salzwedeler Heine-Schule, jüngst erst das Örtchen Schieben bei Kuhfelde und nochmals die Jeetzestadt mit ihren unzähligen Gassen und Straßen, dem Bahnhof, dem Friedensring, den Fabrikschornsteinen: Alles hat Eingang in Reinhard Jirgls Werke gefunden. Seinem 2003 erschienen Roman "Die Unvollendeten” liegen biografische Fakten zu Grunde. Die Urgroßmutter kam mit ihren beiden Töchtern auf der Flucht aus dem Sudetenland in die Altmark, die Enkelin folgte wenig später. Vertriebene, Heimatlose, die nicht immer gern gesehen waren und die sich auch nach langer Zeit noch fremd fühlten: "Heimat ist ferner als der Tod”.
Für "Die Unvollendeten” hat Jirgl Salzwedel umgetauft. "Ich musste Dinge nach Birkheim verlegen, die in Salzwedel nicht passiert sind”, erklärt der Schriftsteller. Sein Roman ist ein Wechselspiel zwischen Fiktion und Realität. Daraus ergibt sich für den einheimischen Leser ein besonderer Reiz: Was ist wahr? Welche Begebenheit ist erfunden?
Obwohl umgetauft, ist die Jeetzestadt in "Die Unvollendeten” besonders präsent. Jirgl hat in seinen Unterlagen einen alten Stadtplan aus seinem Heimatkunde-Unterricht gefunden. Er zeichnete eine seiner Lieblingsrouten ein, konsultierte einen Mathematiker und ließ die Länge der betreffenden Straßen und Gebäude in Zeichen-Mengen umrechnen. Für den Roman entstand so ein Stadtrundgang: Kurzes Gebäude - kurzer Absatz, lange Straße - langer Absatz. Dieses Verfahren ist für den Schriftsteller "die intensivste Form eine Stadt zu thematisieren". "Die Unvollendeten” ist für Jirgl ein besonderes Buch. Spielen seine anderen Werke in der Gegenwart, so widmet er sich in diesem Roman erstmals einem historischen Stoff, einem heiklen Kapitel deutscher Geschichte. Er schlägt einen zeitlichen Bogen von 1945 bis ins Jahr 2002, zeigt auf, wie das Schicksal, das Fühlen und Handeln der Vertriebenen die nachfolgenden Generationen beeinflussen kann. Und außerdem: Die Erstauflage ist längst vergriffen. Es wird nachgedruckt.

Das Werk

"Mutter Vater Roman”, 1990; "Ueberich. Protokollkomödie in den Tod”, Roman, 1990; "Im offenen Meer”, Schichtungsroman, 1991; "Das obszöne Gebet. Totenbuch”, Prosa, 1993; "Abschied von den Feinden”, Roman, 1995; "Hundsnächte”, Roman, 1997; "Die atlantische Mauer”, Roman, 2000; "Genealogie des Tötens”, Trilogie, 2002;
"Gewitterlicht”, Erzählung, 2002; "Die Unvollendeten”, Roman, 2003

"Die Unvollendeten"

"Es gibt niemanden, der diese wahren Worte heute so überzeugend aussprechen könnte wie Reinhard Jirgl."
Burkhard Müller in der "Süddeutschen Zeitung”

"Solche Schriftsteller braucht das Land."
Martin Lübkke in "Die Zeit".

"Treffsicher im Beschreiben, glücklich in der Findung neuer Bilder, präzis provokant in der Reflexion der Figuren - ein Text voll exzessiver Spannung."
Friedrich Christian Delius in seiner Laudatio zur Verleihung des Döblin-Preises

"Reinhard Jirgl erweist sich in seinem jüngsten Roman als glänzender Dramaturg eines weitgehend authentischen, autobiographischen Stoffes, den er zu atemberaubender sprachlicher Verdichtung gebracht und zu Bildern von bestürzender Genauigkeit geformt hat."
Roman Bucheli in der "Neuen Züricher Zeitung”

Auszeichnungen

Alfred Döblin Preis, 1993; Literaturpreis der Stadt Marburg, 1994;
Berliner Literaturpreis, 1998; Bobrowski Medaille, 1998;
Josef Breitbach Preis, 1999

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